Druck Dir mal ´ne Pizza

Schon wieder klopft die schöne neue Welt an meine Tür. Das hat sie im Laufe meines Lebens schon oft getan. Was ist es jetzt? Ein Drucker. Nicht der, der in meinem Arbeitszimmer manchmal Papiere frisst und sie in verschmierten Fetzen unter Zwang und zeitraubender Kleinarbeit wieder hergibt. Mit dem kann ich inzwischen umgehen. Aber das hier übertrifft alles. Ein Essensdrucker, der auf Befehl Pizza ausdruckt oder Kartoffelbrei und Erbsen in Form von kleinen Empire-State-Buildings auf unsere Teller häufeln kann.

Allein die Vorstellung verursacht mir Schnappatmung. Ich gehöre noch zu der Generation, die mit dem Essen nicht spielen durfte. Mir ist absolut unklar, welche Vorteile es hat, wenn statt der Kartoffeln architektonische Wunderwerke aus dem Sight-Seeing-Bereich auf unseren Esstischen Einzug halten. Doch halt. Ehe ich hier weiter schimpfe, muss ich zugeben, dass ich in den letzten Jahren viele Innovationen erst abgelehnt und dann doch wie selbstverständlich angenommen habe. Diesen Text schreibe ich auf einem Laptop, von dem ich noch vor wenigen Jahren gedacht habe, dass das was für Leute ist, die auf langen Bahnfahrten nichts Vernünftiges zu lesen haben. Ein Smartphone, das ich zunächst nicht akzeptieren wollte, habe ich auch. Soviel dazu. Ob es mir wohl mit dem Essensdrucker ähnlich gehen wird?

Wie soll so ein Lebensmitteldrucker überhaupt funktionieren? Anfänglich war es ein Projekt der NASA, die ihren Astronauten die fade Pulverkost im All visuell aufwerten wollte. Inzwischen sind Lebensmitteldrucker bei vielen Firmen in Entwicklung. Das Prinzip ist ähnlich wie bei herkömmlichen Tintenstrahl- oder 3D-Druckern. Dabei wird ein Computer mit einer technischen Applikation ausgestattet, die nach bestimmten Vorgaben eine Idee in ein echtes Produkt umwandeln kann. Anstatt von Tinte oder Plastik werden Lebensmittel – oder genauer Lebensmittelisolate – in die Patronen gefüllt. Die Lebensmitteldrucker, die bereits im Einsatz sind, sind auf die Herstellung von Zuckerpapier spezialisiert, auf das sie mit Lebensmittelfarbe ein Foto in 2D ausdrucken, das anschließend auf der Geburtstagstorte fixiert wird. Pfannkuchen- oder gar Pizzadrucker gehen schon eine Stufe weiter. Hier wird aus den entsprechenden Zutaten im 3D-Druck das gewünschte Produkt aufgebaut und ausgebacken. Das ist jedoch noch lange nicht das Ende der Entwicklung. Kürzlich hat ein britisches Unternehmen den Früchtedrucker angekündigt, mit dem alle möglichen Geschmacksrichtungen auf molekularer Basis in Tropfenform kombiniert werden können und individuell anpassbar sind. Damit können also glibbrige Gel-Kügelchen in Form von Blau-, Heidelbeeren und anderes gedruckt werden, je nachdem, was an Farbe und Geschmacksstoffen dazu gegeben wird.

Damit sind wir beim springenden Punkt. Was da gedruckt wird, ist kein Essen, sondern ein Fake. Dafür müssen die Inhaltsstoffe der Lebensmittel entschlüsselt und für den Handel isoliert und haltbar gemacht werden. Es ist also kein aus Kartoffeln gestampfter Brei, der für die essbaren Empire State Buildings in die Patronen gezwängt wird. Es braucht pulverisierte Stärke- und Proteinpulver mit dem Zusatz von Kartoffelgeschmack und anderen künstlichen Ingredienzien.

Die Begeisterung auf der Ebene der Entwickler ist groß. Angeblich soll das Drucker-Ergebnis sogar schmecken. Es steht allerdings zu befürchten, dass diejenigen, die das beurteilen, so jung sind, dass sie echtes Essen überhaupt nicht mehr kennen. Sie vergleichen den Geschmack mit dem Zeug, das sie eh seit Jahren auf ihren Tellern haben: Gefriergetrockneten Kartoffelbrei, Suppen, Soßen und anderes aus der Tüte. Sie kennen nichts anderes als Lebensmittel-Fakes. Kein Wunder, dass ihnen das Druckeressen schmeckt. Also, mir kommt so ein Ding nicht ins Haus.

veröffentlicht in Umwelt-Zeitung 24. Jhg, Jan./Feb. 2017